Politische Farbenlehre (20 politik&kommunikation | Oktober 2006)

Farben sind in der Politik allgegenwärtig.
p&k erklärt, wozu Farben in der Politik dienen, wie sie in die Politik kamen und was sie symbolisieren.

 

Farben sind der Wegweiser durch die Politik. Sie ordnen das parteipolitische Spektrum in Rot, Grün, Gelb und Schwarz. Das dient der grafischen Darstellung von Wahlergebnissen – und bietet einen Zugang zur Politik.
Politikwissenschaftler Bernd Schüler:
„Über Farben erschließen wir uns die Welt des Politischen."

Kolorit-Karrieren
Als Farbe mit der längsten Tradition gilt Rot.
Mit ihr assoziiert der Betrachter laut Farbpsychologie Lebendigkeit und Dynamik – aber auch Aggression, Feuer und Blut. Jahrhunderte lang die Farbe der Herrscher wurde Rot im 18. und 19. Jahrhundert zu einem Symbol der Revolution.
Die sozialistische Arbeiterbewegung übernahm die Farbe als Symbol des Klassenkampfs.
So wurde die SPD rot.
Schwarz als politische Farbe geht auf die Kleidung des Klerus zurück und hat deshalb als Symbol des Konservatismus eine lange Tradition. Obwohl es eine negative Konnotation (Trauer) besitzt, wird mit Schwarz im positiven Sinn Strenge, Ernsthaftigkeit und Ordnung verbunden. „Schwarz ist eine Ordnungsfarbe", sagt Harald Braem, Professor für Kommunikation und Design in Wiesbaden.

Die anderen Farben der deutschen Parteienlandschaft sind weniger traditionsreich.
Das gelb-blaue Design der FDP ist die Erfindung einer Werbeagentur für den Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg 1972. Gelb steht für Sonne und Wärme und ist deshalb eine „Bauchfarbe". „Smiley-Effekt" nennt Farbpsychologe Braem das. Die Bezeichnung der FDP als „Spaßpartei" ist somit aus psychologischer Sicht treffend.
Blau, laut Wissenschaft die Lieblingsfarbe der Deutschen, bleibt im parteipolitischen System unbesetzt. Es gibt keine „blaue Partei", auch wenn FDP und CSU (in Anlehnung an das bayerische Wappen) die Farbe in ihr Design einbauen.
Ganz anders Grün: Als Inbegriff von Natur und Ökologie symbolisiert die Farbe so treffend wie keine andere die Politik ihrer jungen Partei.

Farben als Problem
Die Parteifarben sind politische Symbole, die im positiven Sinn Identität stiften.
Diese Identität kann aber auch zum Problem werden, denn die Parteien sind praktisch unlöslich mit ihren Traditionsfarben verbunden. Das bekommen die linken Parteien deutlich zu spüren:
„Die Rotzeit ist vorbei", sagt Braem. „Rot ist out." Unsere heutige Gesellschaft brauche Reformen, keine Revolution.
Die SPD begegnete 2005 dieser Anforderung mit einem Wechsel ihres Corporate Designs und setzt „ihre" Farbe heute nur noch punktuell ein. Das Erscheinungsbild prägt jetzt Umbra, ein heller Braunton, der Verlässlichkeit und Bodenständigkeit
symbolisiert.

Wettbewerb um die Mitte
Einen Designwechsel vollzog auch die CDU. Zwar war Schwarz nie Bestandteil des Parteidesigns, trotzdem bemühte sich die Union, ihr Erscheinungsbild aufzufrischen.
Im Europawahlkampf 2004 setzte sie auf das von der Werbebranche übernommene Orange, eine Modefarbe, die Dynamik, Veränderung und Jugendlichkeit symbolisiert – die, so belegen Studien, allerdings auch zu den unbeliebtesten Farben der Deutschen zählt.
Es gibt einen Trend der großen Parteien, sich von traditionellen Farben zu lösen. Im Wettbewerb um die politische Mitte wird die programmatische Trennlinie zwischen den Parteien unscharf.
Die Parteien versuchen deshalb, jenseits der Programmatik zu einer Marke zu werden
– durch Farbe.
Als Symbol in der Politik spielen Farben auch künftig eine wichtige Rolle, meint Braem:
„Die Leute wählen nach Farben, nicht nach Programmen."

Frithjof Reimers

 

 

Politiker erklären die Farbe ihrer Partei

Michael Gorholt
Bundesgeschäfts-
führer SPD:

„Rot ist die Farbe der Arbeiterbewegung, aus der heraus die SPD entstand. Die Farbe Rot ist aus traditionellen und politischen Gründen unlöslich mit der SPD verbunden."

Steffi Lemke
pol. Bundes-
geschäftsführerin Bündnis 90/
Die Grünen:

„Grün steht für unseren Markenkern Ökologie, den keine andere Partei vertritt wie wir. Grün ist das Symbol für Leben, Dynamik und Vielfalt."

Dietmar Bartsch Bundesgeschäfts-führer Die Linke.PDS:

„Wir sind die Roten – politisch, emotional, aus Tradition. Rot steht für das Soziale, für den Kampf der Benachteiligten um ihre Rechte."

Johannes von Thadden
Bundesgeschäfts-führer CDU:

„Wir sind die schwarze Partei, weil wir Politik mit klaren Werten machen. Mit der Akzentfarbe Orange symbolisiert die CDU Aufbruch und Zuversicht."

Hans-Jürgen Beerfeltz
Bundesgeschäfts-führer FDP:

„Blau-Gelb ist die Erfindung einer Werbeagentur. Begründet wurde die Farbwahl mit Goethes Farbenlehre, nach der Gelb als Signalfarbe und Blau als Vertrauenswert gilt."

 

 

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Harald Braem: Farbcoaching - Institut für Farbpsychologie | mail: info (at) farbcoaching.de